Stellungnahme zum Tourismuskonzept

sauplatz-kronplatz„Gesamtkonzept Tourismus Bruneck 2008-2018“, ETB Innsbruck-Wien, 06.05.2008

Das am 6. Mai dem Gemeinderat präsentierte Tourismuskonzept enthält neben einem ausführlichen Statistikteil insgesamt wenig klare und zum Teil auch problematische Aussagen. In der vorliegenden Formulierung kann die Grüne Ratsfraktion dem Text zur Beschlussfassung nicht zustimmen. Insbesondere muss präzisiert werden, was darin unter den „wesentlichen Aussagen und Maßnahmenvorschlägen“ zu verstehen ist.

Die im Konzept formulierten Ziele können zwar großteils geteilt werden, so etwa die Berücksichtigung der Bedürfnisse der Bevölkerung, die Erhöhung der Lebensqualität, die Erhaltung von Natur und Landschaft oder die Sicherung einer funktionierenden Landwirtschaft. Bei den empfohlenen Maßnahmen sind allerdings schwer Bezüge zu diesen Zielsetzungen herzustellen, teilweise stehen sie dazu im Widerspruch.
Einige besonders kritische Punkte:

Einzig klare Aussage des Konzepts ist die Empfehlung, die Bettenkapazität von 3.700 auf 5.000 Betten zu erhöhen und die bestehenden Betriebe in Richtung höhere Kategorie und höhere Preise auszubauen. Dazu fehlt jegliche Bewertung der Auswirkungen, die dies auf Verkehr, Energie- und Wasserverbrauch, Landschaft, Urbanistik, Arbeitsmarkt und öffentliche Dienste hat. Eine Gemeinde, die sich dem Klimaschutz und der Nachhaltigkeit verpflichtet fühlt, kann derartigen Vorgaben nicht ohne Bewertung der Folgen und allfälliger notwendiger Begleitmaßnahmen zustimmen.

Die Nachfrage für eine erhöhte Bettenzahl vor allem im Hochpreissegment wird im Konzept einfach vorausgesetzt. Wie verträgt sich das mit der Tatsache, dass die seit Jahren möglichen 500 zusätzlichen Betten bis heute nicht errichtet wurden? Ist es angesichts der globalen Entwicklung als so sicher anzusehen, dass sich große Investitionen in Hochpreisangebote rechnen werden? Ist man sich sicher, aus Bruneck einen Elite-Urlaubsort machen zu können, und ist das überhaupt wünschenswert? Gibt es für „Qualitätstourismus“ noch ein anderes Maß als Euro pro Tag – z. B. Ressourcenverbrauch und Beanspruchung der Infrastrukturen?

Dafür, dass es ein Konzept für die gesamte Stadtgemeinde sein soll, fehlt der spezifische Blick auf Bruneck Stadt und die weniger touristisch geprägten Fraktionen. Die vorgelegten Rezepte sind hauptsächlich auf eine Kategorie alpiner Ferienorte ausgelegt, zu denen Bruneck als Stadt und regionaler Hauptort nicht zu zählen ist (bezeichnenderweise werden beim Vergleich der Bettenkapazitäten Sölden, Serfaus und Bad Scuol genannt). Es fehlen vor allem konkrete Aussagen dazu, wie die Aufenthaltsqualität in der Stadt zu verbessern ist. Die touristische Attraktivität Brunecks kann sich nicht auf die Stadtgasse und eine Reihe mehr oder weniger gelungener Events beschränken.

Wo sollen neue Tourismuszonen ausgewiesen werden? Wo wäre eine Erhöhung des Kubaturindex vorzusehen? Wer soll die einzelnen Projekte bewerten? Wo sollen Personalwohnungen errichtet werden und wer garantiert, dass diese danach nicht anderen Zwecken zugeführt werden? Ohne Klärung dieser Fragen ist eine Zustimmung für uns nicht denkbar.

Das Projekt „Ried“ wird im Konzept vollkommen oberflächlich und einseitig bewertet. Dabei steht es durchaus in einem Spannungsverhältnis zu deklarierten Zielen wie der Landschaftserhaltung, der Förderung des Sommertourismus und der Trennung zwischen intensiv genutzten Gebieten und Gebieten für stille Erholung. Ohne Streichung des Verweises auf das Projekt „Ried“ lehnen wir das Konzept auf jeden Fall ab.

Die Forderung nach massiven Investitionen in den Golfsport ist angesichts der aktuellen Lage am Reischacher Golfplatz auf jeden Fall sehr kritisch zu hinterfragen.

Die Aussagen zu Ortsbild, Landschaft und Verkehr sind besonders vage. Auf einen möglichen Zielkonflikt durch die empfohlene Expansionsstrategie wird nicht näher eingegangen.

Die Aussagen zur Stadtgasse können eigentlich nur als lächerlich bezeichnet werden. Eine Überdachung und Abgrenzung der Stadtgasse als „Wohlfühlinsel“ vorzuschlagen, zeugt bestenfalls von Ahnungslosigkeit gegenüber den Bedürfnissen einer lebendigen Stadt. Vielmehr ist auf urbane Qualität auch außerhalb der Stadtgasse, auf eine Ausweitung der Fußgängerzone und verkehrsberuhigten Bereiche und auf eine Aufwertung der innerstädtischen Spazierwege und Erholungsflächen zu setzen (z. B. Rienzpromenaden).

Das vorliegende Dokument zeigt für uns keinen Weg auf, wie sich der Tourismus in Bruneck nachhaltig und in Harmonie mit anderen Wirtschaftsbereichen sowie sozialen und ökologischen Bedürfnissen entwickeln soll. In der Substanz wird weiterhin einzig auf neue Bauvorhaben und Investitionen in eine quantitative Expansion gesetzt. Wir können diese Strategien so nicht teilen.

Bruneck, 23.05.2008
Für die Grüne Ratsfraktion
Hanspeter Niederkofler

Tourismuskonzept, Bericht 06.05.2008 (PDF, 2,97 MB)

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s