Ausfahrt Südumfahrung: unser Standpunkt

Reischacher Straße

Nach dem Lokalaugenschein am 5. August 2009, bei dem die mögliche Trasse der Südausfahrt besichtigt wurde, legen wir noch einmal unsere Position zu Notwendigkeit und Funktion der Ausfahrt, zu Trassierung und Prioritäten dar.

Eine „kurze“ Ausfahrt nur Richtung Stadt schafft vor allem neue Probleme

Eine kurze Ausfahrt Richtung Stadt mag aus finanziellen Gründen attraktiv sein und stellt straßenbautechnisch eine relativ einfache und wenig aufwändige Lösung dar. Mit dieser Variante wird aber der Verkehr Richtung Reischach weiter entlang der Wohngebiete an der Reischacher Straße geführt.

"kurze" Ausfahrt nur Richtung Stadt

Die Anwohner dieses Straßenabschnitts (A) sind bereits ganzjährig stark belastet. Die Verkehrsmenge ist zwar im Vergleich zu einigen anderen Hauptstraßen im Brunecker Gemeindegebiet geringer, Besonderheiten stellen aber die Topographie (Amphitheater-Situation), die effektiv gefahrenen Geschwindigkeiten und die Überlastung zu touristischen Spitzenzeiten dar. Zum heutigen Verkehr kommt im Falle einer „kurzen“ Ausfahrt noch der Verkehr, der durch die Ausfahrt von Stefansdorf auf die Südumfahrung verlagert wird, und auch wenn dieser zusätzliche Verkehr prozentuell nicht sehr stark ins Gewicht fallen dürfte, ist es doch bedenklich, durch einen neuen Eingriff eine bestehende Situation, die bereits problematisch ist, wissentlich nochmals zu verschlechtern.

Bei deutlich anderen verkehrspolitischen Rahmenbedingungen könnten wir uns eine Zustimmung zur kurzen Ausfahrt vorstellen. Eine klare Förderung des öffentlichen Verkehrs auch mittels neuer Infrastrukturen, eine Begrenzung des Autoverkehrs im gesamten Innenstadtbereich (drastische Reduzierung der Oberflächenparkplätze, Ausweitung der Fußgängerzone , Schließung des Grabens), Durchsetzung der Geschwindigkeitsbegrenzung auf der Reischacher Straße, verkehrsberuhigende Maßnahmen in Reischach, seriöse Verkehrsberuhigung an der Kronplatz-Talstation durch Parkgebühren und hochwertige Zubringerdienste (statt Untätigkeit und zweifelhafte Versprechungen im Zusammenhang mit dem „Ried“-Projekt) – damit gäbe es eine reale Perspektive, dass die Belastung entlang der Reischacher Straße auf ein zumutbares Maß zurückgeht. Allerdings sehen wir in absehbarer Zeit keine realistische Möglichkeit, dass diese Bedingungen erfüllt werden. Man denke nur an den Werdegang des Verkehrskonzeptes: alle unsere Abänderungsvorschläge, die auf effektive Verkehrsberuhigung und etwas mehr Verbindlichkeit abzielten, wurden von der Ratsmehrheit abgeschmettert. Die Schließung des Grabens ist jetzt nicht einmal mehr als Ziel definiert, sondern nur noch als „langfristige Option“. Eine Tiefgarageneinfahrt mitten am Graben, immer neue Projekte von großen Parkplätzen im Zentrum und jenseits generischer Absichtsbekundungen keine Bereitschaft, wirklich einschneidende Maßnahmen zu treffen. Die Errichtung einer Schienen- oder Seilbahnanbindung zwischen Mobilitätszentrum, Sportzone und Kronplatz wurde sehr schnell als unrealistisch und zu teuer vom Tisch gewischt, während landauf landab weiterhin großzügigste Straßenprojekte vorgelegt werden, die zwar meist mit „Sicherheit“ und „Entlastung“ gerechtfertigt werden, aber immer in erster Linie die Beschleunigung des Verkehrs forcieren.

Unter diesen Voraussetzungen können wir es nicht verantworten, den Anwohnern eine „kurze“ Ausfahrt zuzumuten. Es hat in Bruneck bereits einen ähnlich gelagerten Fall gegeben. Der erste Abschnitt des Nordrings wurde seinerzeit zwischen Wohngebieten und Industriezone errichtet, trotz Protesten und klarer Warnungen, dass dies nur zu Problemen führen würde. Die Probleme sind nicht ausgeblieben, ihre Behebung durch Verlegung des Nordrings hat sich als sehr langwierig und aufwändig erwiesen und ist immer noch nicht umgesetzt.  Seinerzeit hat man sich für die kurzfristig einfachere Lösung entschieden, ausgezahlt hat sich diese Entscheidung wohl nicht. Wir möchten jetzt in Reischach nicht alte Fehler wiederholen.

Die Stadt braucht keine zusätzliche Verkehrsschleuse

Die Grünen befürworten prinzipiell das Gesamtprojekt der Ausfahrt mit den beiden Ästen Richtung Reischach und Bruneck. Die Ausfahrt Richtung Bruneck weist jedoch auch problematische Aspekte auf. Ohne klare verkehrspolitische Maßnahmen im Zentrum stellt die Ausfahrt nämlich nur eine zusätzliche Achse her, auf der Verkehr in die Innenstadt fließt. Die Verkehrspolitik sollte aber auf Verkehrsverminderung und nicht auf Kapazitätserweiterung setzen.

Bedingung für die Verwirklichung der Ausfahrt Richtung Stadt ist für uns nicht nur die Errichtung einer Tiefgarage im Bereich des Schlossberges, sondern auch die Schließung des Grabens und die Streichung sämtlicher öffentlicher Oberflächenparkplätze im Umfeld der Reischacher Kreuzung. Es kann nämlich kaum davon ausgegangen werden, dass sämtlicher Verkehr automatisch in der neuen Tiefgarage Halt macht.

Welche Rolle diese Ausfahrt überhaupt als Zufahrt ins Stadtzentrum spielen soll, ist nicht so klar. Sie stellt vom Oberpustertal kommend sicher eine attraktive Route her, um ins Stadtzentrum oder die westlichen Stadtteile zu gelangen. Vom Unterpustertal her kommend stellt der Weg über die Südumfahrung hingegen einen großen Umweg dar, der wohl auch durch die höhere Geschwindigkeit auf der Südumfahrung nicht gänzlich kompensiert wird. Er ist deshalb wohl vor allem als Ausweichroute bei Stau interessant. Verkehrspolitisch ist das Anbieten zusätzlicher Straßenkapazitäten zu Stoßzeiten allerdings eine fragliche Strategie, da man damit eine weitere Verkehrszunahme fördert, keinen Anreiz zum Umsteigen auf stadtverträgliche Bewegungsformen bietet und damit die Situation im inneren Stadtbereich zusätzlich verschärft.

Zugangswege zum Stadtzentrum

Die Südausfahrt führt nicht zu einer massiven Verlagerung des heute über Stefansdorf laufenden Verkehrs

Die folgende Grafik zeigt einen Vergleich der Routen für Fahrzeuge, die vom Unterpustertal kommend die Kronplatz-Talstation erreichen wollen.

Routenvergleich Südumfahrung/Stefansdorf
Die Südumfahrung ermöglicht in der Regel höhere Geschwindigkeiten, aber die Strecke ist um ca. 700 Meter länger und führt in Reischach über drei Kreisverkehre. Zudem führt sie durch zwei Tunnel, und ein Teil der Verkehrsteilnehmenden zieht bei Wahlmöglichkeit Strecken ohne Tunnel prinzipiell vor.

Die Route über Stefansdorf hingegen weist zwar Tempobeschränkungen, aber keine nennenswerten Behinderungen auf. Vorfahrt gegeben werden muss nur an der Kreuzung bei der Viehvermarktungshalle.

Es kann somit davon ausgegangen werden, dass die Route über die Südausfahrt für von Westen kommende Fahrzeuge nicht eindeutig vorzuziehen ist. Es ist anzunehmen, dass ein wesentlicher Teil dieses Verkehrs weiter über Stefansdorf läuft. Auf die Südumfahrung umgelagert wird vor allem der Verkehr, der heute z. B. von Norden kommend einen Umweg über Stefansdorf fährt, um sich die Durchfahrt durchs Stadtzentrum zu ersparen – dieser dürfte allerdings nicht sonderlich ins Gewicht fallen.
Zu berücksichtigen ist auch der nicht irrelevante Verkehr, der von Stefansdorf und St. Lorenzen aus Richtung Reischach geht und der auf jeden Fall weiter über die Stefansdorfer Straße laufen wird. Die Vorstellung, dass praktisch sämtlicher Verkehr, der heute von Stefansdorf aus Richtung Reischach läuft, auf die Südausfahrt verlagert würde, ist auf jeden Fall nicht plausibel.

Sehr wohl auf die Südausfahrt verlagert wird hingegen der Verkehr, der aus dem oberen Pustertal, dem Tauferer Tal, den großen Wohngebieten im Osten und Norden Brunecks sowie aus Stegen in Richtung Reischach, Kronplatz und Sportzone Reiperting geht. Dieser Verkehr läuft heute über die Reischacher Straße, und die Südausfahrt führt hier zu einer Entlastung des Brunecker Stadtzentrums, was schließlich auch die Hauptfunktion dieses Projektes ist.

Die „lange“ Ausfahrt Richtung Reischach ist bei Berücksichtigung aller Umstände eine tragbare Lösung

Keine Lösung ist ohne Nachteile – aber Einwände, wie dass die Südausfahrt eine „Katastrophe für Reischach“ bedeuten würde, sind für uns nicht nachvollziehbar. Eine kurze Analyse der voraussichtlichen Auswirkungen:

"lange" Ausfahrt nur Richtung ReischachAbschnitt A:

Hier entfällt der Verkehr Richtung Reischach, der heute über das Stadtzentrum geht und durch die Südausfahrt auf den Ring verlagert wird (vor allem aus Richtung Tauferer Tal, Oberpustertal, Bruneck Ost, Nord und Stegen). Damit wird dieser Abschnitt deutlich entlastet.

Abschnitt B:

Hier fällt zusätzlich der Verkehr an, der heute über Stefansdorf geht und durch die Ausfahrt auf die Südumfahrung verlagert wird. Es entfällt ein Teil des Verkehrs, der heute über Stefansdorf zur Sportzone oder zur Reischacher Straße führt. Insgesamt ergibt sich eine Mehrbelastung.

Abschnitt C:

Für Reischach Dorf gibt es keine Veränderung, unabhängig davon, ob und welche Ausfahrt realisiert wird.

Abschnitt D:

Hier fällt zusätzlich der Teil des Kronplatzverkehrs an, der von Stefansdorf auf die Südausfahrt umgelagert wird, es entfällt ein Teil des Verkehrs von und nach Reischach Dorf, der heute über Stefansdorf geht und auf die Umfahrung verlagert wird. Damit ergibt sich auf diesem Abschnitt eine leichte Mehrbelastung.

Abschnitt E:

Es entfällt der Verkehr nach Reischach, der heute über Stefansdorf geht und auf die Südumfahrung umgelagert wird. Der Abschnitt wird entlastet.

Der einzige Abschnitt, der eine eindeutige Verschlechterung erfährt, ist Abschnitt B. Dieser befindet sich genau zwischen den beiden geschlossenen Siedlungsbereichen von Reischach. Die Zahl der betroffenen Gebäude ist begrenzt, eine gewisse Abschirmung ist möglich und auf diesem 400 m langen Abschnitt zwischen zwei Kreisverkehren ist nicht mit überhöhten Geschwindigkeiten zu rechnen, bzw. es ist relativ einfach, eine angemessene Geschwindigkeit durchzusetzen. Eine Verschlechterung der Situation für diesen Abschnitt ist nicht abzustreiten, aber dies als eine unzumutbare Mehrbelastung für Reischach zu bezeichnen, verfehlt den Maßstab.

Der landschaftliche Eingriff durch die Südausfahrt ist nicht irrelevant, aber begrenzt. Das sensibelste Gebiet wird unterirdisch durchquert, es bleibt die Einmündung in die Südumfahrung, die einen begrenzten Eingriff in einem Gebiet bedeutet, das durch die Nähe der Südumfahrung schon in Mitleidenschaft gezogen ist, sowie die Einmündung in die Reischacher Straße, die sicherlich den größten Eingriff darstellt. Allerdings bleibt der Gesamteingriff im Verhältnis zur Bedeutung der neuen Infrastruktur und im Vergleich zu anderen, ähnlich gelagerten Projekten begrenzt. Die Reischacher Felder und das dortige Naherholungsgebiet werden kaum in Mitleidenschaft gezogen.

Insgesamt haben wir uns die Entscheidung sicherlich nicht leicht gemacht, die Problematiken sind uns bewusst. Allgemein fördert jede neue Straßeninfrastruktur eine Zunahme des Verkehrs, da neue Bewegungsmöglichkeiten für den motorisierten Individualverkehr geschaffen werden, die sich tendenziell negativ auf die Verkehrsmittelwahl auswirken. Dies trifft auf jegliche Umfahrung zu – entscheidend dafür, ob man so ein Projekt als tragbar ansehen kann, ist die Entlastung von Wohngebieten und Ortszentren, die sich dadurch ergibt. Die Grünen sind im allgemeinen nicht diejenigen, die die aufwändigeren Lösungen im Straßenbau forcieren. In diesem Fall kommen wir aber nach Abwägung aller dargelegten Aspekte zum Schluss, dass in der heutigen Situation die Südausfahrt („Winkler-Trasse“) die annehmbarste Lösung darstellt, da sie die Gesamtsituation klar verbessert.

Bruneck, 10.08.2009
Grüne Ratsfraktion

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3 Kommentare zu “Ausfahrt Südumfahrung: unser Standpunkt

  1. Es ist unbestritten, dass es die Südausfahrt brauchen würde, und zwar eine möglichst kurz Trasse, also nicht die von einigen Reischachern geforderte Tauernvariante.

    Wenn aber von Verkehrsbelastungen gesprochen wird, die auch ohne Zweifel bestehen, warum spricht niemand von den Politikern (leider parteiübergreifend), über die kaum tragbare Verkehrsbelastung der Anrainer vom Westteiles des Nordringes? Diese von manchen so gerühmte Umfahrung, weil sie angeblich eine Ringstraße darstellt, wie es sie sonst nur in Millionenstädten gibt, ist aber für die Anrainer nur ein Hohn. Sie stellt de facto eine Route ins Ahrntal dar und kann ohne Übertreibung eine Transitstrecke genannt werden. Von den großen Staus vor allem in den Sommermonaten will ich gar nicht reden.

    Es ist wohl nicht damit getan, dass man bei einer Protestveranstaltung als Politiker der Opposition Flagge zeigt und Solidarität vorgibt, sonst aber danach im Gemeinderat bei diesem Projekt der Verlegung des Nordringes nicht mehr den Mund auftut und sonst den Nordring stiefmütterlich behandelt, jedenfalls alles anders als mit Nachdruck und genügend Ernst.
    Ich finde es in keiner Weise angebracht, dass man nur über die große Priorität einer Südausfahrt spricht.
    Erhofft man sich dort am meisten Stimmen, muss man Politiker wohl fragen?

    Abschließend möchte ich nur feststellen:
    Es schaut so aus, dass das Projekt Nordring (Verlegung) gestorben ist, oder auf eine sehr lange, lange Bank geschoben wird.

    Hubert von Wenzl
    Bruneck – Anrainer des Nordringes

    • Die Verlegung des Nordrings hat oberste Priorität auch im Verkehrsplan, und das Land hat sie eigentlich schon zugesagt. Bei der Südausfahrt steht hingegen immer noch die definitive Entscheidung aus, ob und welche Variante gebaut wird und das Land finanziert nur einen Teil. Ich hoffe, es ist erlaubt, sich auch noch um andere Belange zu kümmern, bevor der Nordring verlegt ist.
      Hanspeter Niederkofler

  2. Ich kann mir schwer vorstellen, dass bei der Verlegung des Nordrings etwas weitergeht, wenn kein Politiker in der letzten Zeit (wird wohl mindestens ein Jahr sein) darüber redet.
    Wenn die Verlegung des Nordrings oberste Priorität hat, so scheint es, dass alles im stillen Kämmerlein abgewickelt werden muss, denn offiziell hat man schon lange nichts mehr gehört. Ohne genügendem politischischen Willen wird sich auch die Verlegung nicht von alleine erledigen.
    Darum kann ich zum obigen Gesagtem nur bemerken:
    Die Botschaft hör ich wohl, allein mir fehlt der Glaube.
    Hubert von Wenzl

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