Bruneck 100% erneuerbar?

Die Gemeinde Bruneck hat kürzlich eine neue Auszeichnung entgegengenommen, den ersten Platz der „RES Champions League“ in der Kategorie der Kleinstädte. Bruneck ist  sozusagen „Europameister“ in der Nutzung erneuerbarer Energie. Das ist erfreulich und gibt natürlich auch Anlass für großes Eigenlob seitens der Stadtverwaltung. Die Grünen, die sich seit Jahrzehnten auf allen Ebenen für erneuerbare Energien einsetzen, freuen sich über dieses Ergebnis. Es sind aber auch ein paar Anmerkungen angebracht.

Die RES Champions League ist eine Art „Meisterschaft“ in den erneuerbaren Energien Sonne und Holz, an der sich Gemeinden in sieben europäischen Ländern (Deutschland, Tschechische Republik, Polen, Bulgarien, Ungarn, Italien und Frankreich) beteiligen können (www.res-league.eu). Die nationalen Organisationen ermitteln die Gewinner der einzelnen Länder, unter denen dann der europäische Titel vergeben wird. Für Italien hat Legambiente Bruneck als „Comune rinnovabile 100%“ ausgezeichnet und für den europäischen Preis nominiert.

Ausschlaggebend ist die installierte Leistung pro Einwohner für Energie aus Holz und Sonne. Bruneck steht hier insbesondere mit seinem großen Heizwerk, das nicht nur Bruneck, sondern auch umliegende Gemeinden versorgt, sehr gut da. Die Fernwärme leistet einen wichtigen Beitrag für die Eindämmung der CO2-Emissionen und eine bessere Luftqualität. „100% erneuerbar“ ist das Heizwerk allerdings nicht, ca. 30% der Wärmeleistung wird mit Gas erbracht. Das mag technisch erforderlich und wirtschaftlich sinnvoll sein, aber eine erneuerbare und klimaneutrale Energiequelle wird aus Erdgas dadurch nicht.

Generell sind solche Wettbewerbe natürlich zu begrüßen, weil sie Gemeinden dazu anspornen, auf erneuerbare Energie zu setzen. Die Allgemeingültigkeit der Ergebnisse ist allerdings relativ, da sie sehr stark von lokalen Voraussetzungen wie der natürlichen Umgebung und der Gemeindegröße abhängen. Hackschnitzel-Heizwerke sind z. B. eine gute Option für kleine Alpengemeinden, aber kein europäisches Patentrezept, dafür würden die nachhaltig nutzbaren Ressourcen nicht ausreichen. Bruneck trifft hier auf günstige Voraussetzungen und hat diese gut zu nutzen verstanden.

Das entscheidende Maß für unsere Klimapolitik sind aber nicht die Emissionen vor Ort, sondern der gesamte, auch indirekte Energieverbrauch und damit in erster Linie unser Lebensstil. Wir müssen auch die Umweltbelastung einrechnen, die entsteht durch Produkte, die wir konsumieren und Dienstleistungen, die wir in Anspruch nehmen.  Solange unser ökologischer Fußabdruck das global vertretbare Maß um ein Vielfaches übersteigt, haben wir noch einen weiten Weg vor uns. Solange z. B. unser Stromverbrauch stetig weiter ansteigt, werden die erneuerbaren Energien nicht in der Lage sein, den Ausstieg aus den fossilen Energien und der Kernkraft zu kompensieren. Der Energieverbrauch pro Kopf ist das Maß aller Dinge, und der muss drastisch reduziert werden, sonst haben wir keine Chance.

Hier kollidiert die ökologische Notwendigkeit aber mit der auch hierzulande herrschenden Wachstumsideologie. Solange mehr Konsum das oberste Ziel der Wirtschaftspolitik ist, solange es besorgte Schlagzeilen gibt, wenn z. B. der weihnachtliche Konsumtaumel einmal um einen halben Prozentpunkt zurückgeht oder auf der Brennerautobahn einmal etwas weniger LKW gezählt werden, solange im Land weiter fleißig in die Vermehrung des Verkehrs  investiert wird durch Straßenbau und Zersiedelung und das Thema Mobilität in der Klimapolitik praktisch nicht vorkommt, so lange mögen wir zwar Fortschritte mit Klimahäusern, Heizwerken usw. feiern, aber die echte Nachhaltigkeit bleibt in weiter Ferne.

Das betrifft auch Bruneck. Eine effektive Reduzierung des Autoverkehrs in der Stadt scheitert nach wie vor an einer Mehrheit im Gemeinderat, für die die Blechlawine, die tagtäglich über unser Stadtzentrum hereinbricht, wohl immer noch ein Zeichen von Wohlstand und nicht von schlichter Unvernunft ist. Das Gerede von Nachhaltigkeit wird auch recht unglaubwürdig, wenn man z. B. den Fall „Projekt Ried“ betrachtet – ein ökologischer Unsinn und ein Paradebeispiel für Grünfärberei. Auch bei sehr optimistischen Annahmen kommt die Klimabewertung zum Schluss, dass das Projekt 700 Tonnen zusätzliche CO2-Emissionen im Jahr produziert. Der Genehmigungsweg ist voll von Verstößen und Handstreichen, der Umgang mit der Volksbefragung war eine Verhöhnung der Bevölkerung, die mehrheitlich gegen das Projekt ist.  Solche „Leistungen“ gehen freilich nicht in die Punktetabelle ein.

07.06.2011
Hanspeter Niederkofler

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