Straßenbau: weiter wie gehabt? • Progetti stradali: avanti come prima?

Klosterwaldvariante: Tunnel, Brücke, Trompetenkreuzung...Kommt Zeit, kommt Rat, lautet ein Sprichwort. Es ist nicht immer ein Schaden, wenn sich Planung und Umsetzung eines Projekts in die Länge ziehen – oftmals ergibt sich die Gelegenheit, das Ganze zu überdenken und eine bessere Lösung zu finden.

Auf das Projekt der Gadertaler Ausfahrt, die sog. Klosterwald-Variante, trifft das leider nicht zu. Es sind zwar mehr als 10 Jahre vergangen, seit es das erste Mal vorgelegt wurde, von einem Überdenken gibt es aber keine Spur, es bleibt dasselbe Monster mit Tunnel, Brücke und zwei überzogenen Kreuzungsbauten, nur die Kosten sind mittlerweile von 40 auf 68 Millionen Euro geklettert.

68 Millionen für eine Kreuzung, für eine Straße, die im Jahresdurchschnitt auf 7.500 Fahrzeuge am Tag kommt. Probleme gibt es hier nur beim Urlauberwechsel, und an den kritischen Tagen ist schon die Autobahn überfüllt – kein Bauwerk im Pustertal kann da irgend etwas bewirken. Die Kreuzung wird außerdem an eine Stelle mit hoher Geschwindigkeit verlegt, was das Einfädeln bei starkem Verkehr erschwert. Bei Rückstaus sind die Tunnels problematisch. Dazu kommt ein schmerzhafter Eingriff in die Landschaft. Kurz – bei allem Verständnis für die Anwohner: Warum ein solches Projekt prioritär und eine solche Unsumme wert sein soll, ist und bleibt ein Rätsel. Weiterlesen

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Ach Schnellstraße

Keine Schnellstraße, nur eine ganz kleine Umfahrung.

Keine Schnellstraße, nur eine ganz kleine Umfahrung…

Es ist schon frustrierend, dass ich mir auch nach 30 Jahren Diskussion um die Pustertaler Straße immer noch denselben Bullshit anhören muss von Leuten, die nicht gestern auf die Welt gekommen sind. Leute, die meist mehr Lenze zählen als ich, seit Jahrzehnten kreuz und quer durch die Landschaft kurven, aber anscheinend noch nie zwei Minuten Zeit gefunden haben, darüber nachzudenken, was Mobilität eigentlich ist. Da keine Aussicht besteht, dass die sich je von ihrem fossilen Fortschritts-Fundamentalismus lösen, versuche eben ich einmal, mich zu bewegen und in realistischer und konstruktiver Weise nach Argumenten für eine Schnellstraße zu suchen.

Wir haben im Pustertal einfach noch zu wenig Verkehr. Das Verkehrswachstum ist unbefriedigend und manchmal sogar negativ. An manchen Tagen kommen wir im Unterpustertal nicht einmal über 12.000 Fahrzeuge hinaus. Im Etschtal kommen sie laufend auf über 30.000 Fahrzeuge und dort sind alle reich und glücklich, während das Pustertal bekanntermaßen ein permanentes Krisengebiet ist.

Wir geben immer noch zu wenig für fossile Energieträger aus und gefährden damit die Einkommen humanitär tätiger Erdölgesellschaften und nahöstlicher Erdöldemokratien. Mit diesem egoistischen Verhalten stehlen wir uns aus der globalen Verantwortung. Weiterlesen

Vintl und seine „sanfte“ Umfahrung

Ab dem 7. November 2015 ist die gesamte Umfahrung von Vintl befahrbar. „Umfahrung“ ist eine eher beschönigende Umschreibung für den bisher längsten Neubauabschnitt entlang der Pustertaler Straße, mit über fünf Kilometern, wobei die Ortsdurchfahrten von Nieder- und Obervintl zusammengenommen einen Kilometer messen. Das Projekt hat eine Geschichte, die hier etwas ausführlicher beschrieben ist.

Ein möglichst „sanfter“ Ausbau der Pustertaler Straße war das Ziel eines Planungswettbewerbs, der 2003 fürs Unterpustertal ausgeschrieben wurde: Behebung von Problemstellen und größtmögliche Verwendung der bestehenden Trasse. Bei den Lösungen, die dann ausgesucht wurden, blieb von diesen Vorsätzen aber nicht viel übrig: Begradigung, Beschleunigung und großzügige Neubauten – alles natürlich, um den Verkehr „flüssiger“ und „sicherer“ zu machen und um die Wohngebiete zu entlasten. Im Fall Vintl mit einer neuen Rennstrecke an der kühlen, bisher ruhigen, linken Talseite. Manchen ist aber auch diese Lösung zu sanft, man hätte stattdessen „den Mut aufbringen“ sollen, doch gleich eine „richtige“ Schnellstraße zu bauen nach dem Vorbild der vierspurigen Mebo. Offenbar beneidet man das Etschtal um den gewaltigen Verkehr, den diese produziert hat.

Was aber so eine neue, „moderne“ Straße eigentlich ist, wie viel sie Fläche verbraucht und wie sie sich in die Landschaft „einfügt“, erfährt man nicht wirklich durch das Studieren von Plänen oder das Betrachten von Renderings, die man bei diversen Versammlungen präsentiert bekommt. Man geht sie am besten einfach einmal zu Fuß ab. Das habe ich an einem schönen Oktobertag in Vintl gemacht, solange das noch in Ruhe möglich war. Es war eine aufschlussreiche Wanderung. Ich kannte das Projekt ja schon lange, und da es leider nicht nur geplant, sondern auch gebaut wurde, war es jetzt auch körperlich erfahrbar. Hier ein Bericht mit Fotos vom Oktober 2015, dazu einige Vergleichsbilder, die im Mai 2004 bei einer grünen Radtour entlang der geplanten Trasse aufgenommen wurden. Weiterlesen

Leserbrief: Fossiles Denken

aggrappati al volante di un'auto (Konk, in: "Sul filo del binario", F.M. Ciuffini 1988, ed. CAFIKommentar zum Artikel „Der Millionen-Irrtum“ in ff 15/2015, in dem beklagt wird, dass das Land nicht den „Mut“ aufgebracht habe, im Unterpustertal eine vierspurige Schnellstraße zu bauen. 

Wer sich heute noch eine Autobahn im Pustertal vorstellen will, leidet offensichtlich an fossilisierten Denkmustern. Wenn es z. B. an der in Bau befindlichen Vintler Großumfahrung etwas zu kritisieren gibt, dann die Tatsache, dass man über fünf Kilometer Flussufer ruiniert und die ruhige Talseite verlärmt, wenn man doch eine Straße hat, die nur einiger lokaler Eingriffe bedarf.

Die MeBo als Vorbild? Diese hat sich ihren Verkehr selbst produziert und das Mobilitätsverhalten im Burggrafenamt nachhaltig verschlechtert. Jährlich Millionen nutzloser Autofahrten mehr sind die Folge, Klima und Ölkonzerne bedanken sich.

Der Verkehr wächst zwangsläufig immer weiter? Ein Unsinn, der gegen elementare Logik verstößt, wie im übrigen wesentliche Teile der herrschenden Wirtschaftsdoktrin. An der Zählstelle Vintl ist der Verkehr nicht gestiegen, 2014 waren es exakt 205 Fahrzeuge weniger am Tag als 10 Jahre vorher. Verkehr und Verkehrsmittelwahl sind menschliches Verhalten, und dieses hängt von den Strukturen ab. Und wenn die Strukturen „Fahrt Auto!“ schreien, wird eben mehr Auto gefahren, auch wenn jede Woche zwei Tagungen über nachhaltige Mobilität abgehalten werden. Weiterlesen

Umfahrung Niedervintl: 28 Millionen wofür? • Variante Vandoies di Sotto: 28 milioni per cosa?

vorher • prima

nachher • dopo

Am 17. Juni wurde wieder einmal ein Band durchgeschnitten. Die Umfahrung der Umfahrung Niedervintl, Kostenpunkt 28 Millionen Euro, wurde mit den üblichen Worthülsen wie „Sicherheit“, „Lebensqualität“ und „zeitgemäße Straße“ ihrer Bestimmung übergeben. Wir haben unseren Standpunkt zu derartigen Projekten schon vor Jahren klargestellt (z. B. in unserer Stellungnahme vom Jänner 2006). Wir nehmen die Gelegenheit wahr, ein paar Überlegungen in Erinnerung zu rufen.

  • Die Umfahrung Niedervintl ist  in dieser Form überflüssig und hätte auf jeden Fall keine Priorität verdient. Niedervintl war bereits umfahren, und der kritische Abschnitt von ein paar hundert Metern im Bereich des Bahnhofs hätte z. B. mit einem kurzen Unterflurabschnitt besser, schonender und kostengünstiger behoben werden können. 2004 hat sich in einer Unterschriftenaktion in Niedervintl die absolute Mehrheit der Wahlberechtigten (!) gegen das Projekt ausgesprochen, das dann trotzdem mit geringfügigen Änderungen durchgezogen wurde. Der sinnloseste Abschnitt steht noch bevor: die Verdoppelung der Straße in der Gewerbezone, für den im Widerspruch zum Gewässerschutzgesetz die Rienz verlegt wurde, und die Verwüstung des Rienzufers auf weiteren vier Kilometern.
  • Nun hat sich Beton und Asphalt auch in die Felder im Süden Vintls gefressen, und wofür? Die Fahrtzeit reduziert sich auf diesem Abschnitt bei normalem Verkehr bestenfalls um 20-30 Sekunden. Eine Million Euro pro Sekunde, zahlt sich das aus? Abgesehen davon, dass jede „Zeitersparnis“ durch schnellere Straßen nichts als Illusion ist, weil mit jeder Beschleunigung die zurückgelegten Strecken steigen. Wir investieren Millionen, damit wir morgen noch mehr wertvolle Ressourcen durch den Auspuff jagen und noch mehr unserer Lebenszeit in unseren Blechkisten verbringen können. „Klimaland“? Nicht ganz. Weiterlesen

Verkehrsinfrastruktur im Pustertal: Verantwortung und Weitsicht • Infrastruttura di trasporto in Val Pusteria: responsabilità e lungimiranza

Mit der heutigen Eröffnung des Tunnels unter der Sonnenburg durften wir wieder schöne Worte bezüglich Sicherheit und Lebensqualität sowie Ankündigungen nächster Ausbauschritte entlang der Pustertaler Straße vernehmen.

So wie das Teilstück Sonnenburg nicht gerade ein Musterbeispiel für Respekt vor Kulturdenkmälern ist, so irreführend sind die Diskurse über Sicherheit und Lebensqualität. Die Wirklichkeit ist eine andere: Oberste Priorität hat laut Planungsvorgaben des Landes die Beschleunigung der Pustertaler Straße, und entsprechend fallen die Projekte aus. Beschleunigung dient aber weder der Sicherheit noch der sogenannten Verflüssigung des Verkehrs, sondern führt zu einer Zunahme der Emissionen, des Lärms, des Risikos schwerer Unfälle und der Stauanfälligkeit. Ginge es hingegen wirklich in erster Linie um die Entlastung der Wohngebiete, so hätte man von Anfang an anderen Kriterien folgen müssen.

Die Mittel für Investitionen in die Verkehrsinfrastruktur werden knapper. Wir fordern daher die Landesverwaltung auf, ihre Prioritäten zu überdenken und den Investitionen den Vorzug zu geben, die effektiv die Lebensqualität, die Sicherheit und eine Verlagerung zu nachhaltigen Bewegungsformen fördern. Weiterlesen

„Erreichbarkeit“: neues Schlagwort für alte Rezepte • „Raggiungibilità“: nuovo slogan, vecchie ricette

Von der Handelskammer und ihrem Präsidenten wird neuerdings die schlechte Erreichbarkeit unseres Landes am Boden, zu Wasser und speziell in der Luft beklagt. Vom Pustertal aus kommt wie bestellt als Echo das altbekannte Gejammer von der ach so unzumutbaren Straße, die Wirtschaft und Wohlstand gefährde. Das Thema wäre ja eigentlich mehr etwas fürs Sommerloch, aber heuer darf auch die Vorweihnachtszeit dafür herhalten.

Schnelle Straßen = Wohlstand?

Die selbsternannten Vordenker unserer regionalen Wirtschaft haben wohl nie bedacht, dass dieselben Straßen, auf denen möglichst schnell und „flüssig“ unser Wohlstand anrollen soll, auch dazu dienen, die lokale Kaufkraft abfließen zu lassen, die auswärtige Konkurrenz herzuholen und die Massenwaren anzuliefern, die unserer Nahversorgung das Leben schwer machen. Mehr und schnellere Straßen bringen ab einem gewissen Punkt nicht mehr Wohlstand, von dieser Legende sollten wir uns endlich verabschieden. Die Gebiete mit der höchsten Autobahndichte sind oft genug auch die Gebiete mit der höchsten Arbeitslosigkeit. Transportwiderstände sind auch ein Schutz für kleinräumige Strukturen, das geht aus vielen Untersuchungen hervor.  Weiterlesen